Artikel von: Jürgen Köhler

Tempo 30 in der Stadt

Städte und Gemeinden haben schon heute die Möglichkeit mit Tempolimits den Verkehr auf ihren Straßen nachhaltiger zu gestalten. Eine Ausweitung von Tempo 30-Zonen in geschlossenen Ortschaften wurde bereits an vielen Orten mit guten Ergebnissen erprobt. Schließlich bedeutet ein Tempolimit nichts anderes, als eine Anpassung an die vielerorts nur noch erreichbare Durchschnittsgeschwindigkeit, die in London bei 19 km/h liegt, in Berlin bei 24 und in München bei 32 km/h.215) Trotz des mäßigen Tempos geht es auch in diesen Städten laut und hektisch zu, weil unter Zeitdruck stehende AutofahrerInnen auf einen Verkehr, der ständig unterbrochen wird, der sich vor roten Ampeln aufstaut und bei Grün beschleunigt, hektisch, angespannt und oft sogar laut und aggressiv reagieren. Ein temporegulierter Verkehr dagegen fließt besser, bremst Emotionen aus und bringt durch das Surfen auf der grünen Welle, mehr Entspannung und Toleranz auf die Straße. Mit Tempo 30 fährt es sich gleichmäßiger, gelassener und souveräner durch die Stadt, der Zeitverlust ist minimal. Die Fahrzeit verlängert sich nur um wenige Sekunden. Auf einer Strecke von 500 Metern, innerhalb einer Tempo 30-Zone, liegt der Zeitverlust bei maximal fünf bis zehn Sekunden im Vergleich zu Tempo 50. Da die meisten Autofahrten innerhalb von Ortschaften unter einer Länge von fünf Kilometer liegen, beträgt die maximale Verzögerung höchstens bei zwei Minuten. Bei einer geringeren Geschwindigkeit, wenn der Verkehr fließt, muss um ein Stückchen freien Straßenraum zwischen den Verkehrsteilnehmern nicht mehr gekämpft werden. Zeichen und Gesten werden bei Tempo 30 leichter wahrgenommen. Man kann sich sogar mit Blickkontakt verständigen und es bleibt mehr Zeit für Reaktionen bei unvorhersehbaren Ereignissen. Ein Tempolimit nimmt dem Verkehr die Hektik und sorgt für weniger riskante Fahrmanöver wie überhastetes Rechts- und Linksabbiegen, es bringt mehr Übersicht, weniger „Schleichverkehr” durch Wohn- und Schulgebiete und bedeutet weniger Falschparker auf Fuß- und Radwegen und mehr Lebensqualität im Wohnumfeld mit deutlich weniger Lärm und Abgasen. Bei mehr Sicherheit im Straßenverkehr müssen Eltern ihre Kinder nicht mehr ständig mit dem Auto transportieren, sie können sie zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren lassen. Auch Erwachsene können sich wieder trauen mit dem Rad in der Stadt zu fahren und dadurch einen Beitrag zur Entlastung des motorisierten Verkehrs leisten, damit Staus kürzer und seltener werden können. Weniger Verkehr schafft größere Lücken für Fußgänger, die dann auch mal angstfrei die Straßenseiten wechseln können.

 

Ein Tempolimit führt zu einem entspannteren, klimafreundlicheren und vor allem sehr viel sichereren Verkehr in den Städten und Dörfern. Tempo 30 erleichtert die Beziehung zwischen den Verkehrsteilnehmern und minimiert die Unfallhäufigkeit, von der Fußgänger und RadfahrerInnen besonders betroffen sind. Untersuchungen haben bestätigt, dass in Tempo 30-Zonen etwa 40 % weniger Unfälle als in vergleichbaren Tempo 50-Bereichen passieren. Betrachtet man nur die Fußgänger- und RadfahrerInnenunfälle, sind diese Zahlen noch eindrucksvoller. So sank in der Stadt München die Anzahl der Unfälle mit Personenschäden um 62 % und die Anzahl der Schwerverletzten sogar um 72 %. In Münster konnte eine Verminderung der Unfälle von Fußgängern und RadfahrerInnen um 70 % verzeichnet werden. Ähnlich positive Zahlen lassen sich in fast allen Städten, die Unfalluntersuchungen vorgenommen haben, nachweisen, so Dr. Maria Limburg von der Universität Duisburg-Essen. Eine Untersuchung von tödlich verunglückten Fußgängern der Universität Düsseldorf hat ergeben, dass nach der Einführung von Tempo 30 die Anzahl der bei Unfällen getöteten und schwerverletzten Personen um 60 bis 70 Prozent zurückgeht. Während bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 30 km/h „nur” 30 Prozent aller verunglückten Fußgänger getötet werden, sind es bei Tempo 40 schon 50 % und bei Tempo 50 bereits 80 Prozent. Die Erhöhung der Geschwindigkeit von 30 km/h auf 50 km/h führt zu einer sehr starken Erhöhung des Todesrisikos für Fußgänger und damit auch ganz besonders für Kinder! Ab einer Geschwindigkeit von 60 km/h gibt es für sie keine Überlebenschance mehr.

Zu den wirksamen und zusätzlichen Maßnahmen, mit der Geschwindigkeitsbegrenzungen erfolgreich durchgesetzt werden können, zählen neben gesetzlichen Vorgaben bauliche Veränderungen, die zu mehr verkehrsfreien Räumen führen und die dem Lebensgefühl der Stadt und der Sicherheit im Straßenverkehr zu Gute kommen. Autos fahren langsamer, weil es zwischen Spielwiesen, Gartenlokalen und breiten Boulevards gar nicht anders geht. Zu den einfachen baulichen Maßnahmen zählen provisorische Verengungen des Straßenraums mit Pollern, Kübeln, Plauteauerhöhungen, alternierendes Parken oder Querungshilfen. Etwas aufwändiger wird es bei Umgestaltungen des Straßenverlaufs, Veränderungen an Kreuzungs- und Knotenpunkten, Hochpflasterungen, Fahrbahnverengungen, Grünbeete, Baumscheiben, Mittelinseln oder Schwellen. In den nordischen Ländern haben sich solche „Shared spaces“ schon länger durchgesetzt, zu denen auch farblich und baulich markierte, nicht zu übersehende und oft schmucke bis zu vier Meter breite Radwege inmitten von grünen Zonen zählen.

Schreibe einen Kommentar