Artikel von: Jürgen Köhler

Tabula rasa im Schilderwald

Damit sich die Leichtigkeit und Flüssigkeit, oft auch die Sicherheit des nicht motorisierten Verkehrs sich nicht mehr der Leichtigkeit und Flüssigkeit des Autoverkehrs unterordnen muss, wird durch eine Gleichstellung auf der Straße erfüllt. Erst wenn sich die Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt auf Augenhöhe begegnen können und sich sicher fühlen, werden sie zu Partnern, die sich verständigen und sogar die Straßen transparent und kommunikativ teilen können. Manche Vorschriften und Methoden der Straßenverkehrsordnung könnten dann sogar überflüssig werden. Nach Ulrich Leth von der technischen Universität Wien seien diese nur der unübersichtlichen und isolierten Windschutzscheiben-Perspektive der AutofahrerInnen sowie dem Gefährdungspotenzial der Kraftfahrzeuge geschuldet. “Ampeln dienen lediglich dazu, die verunmöglichte direkte Kommunikation der motorisierten Verkehrsteilnehmer untereinander und zu anderen zu kompensieren.“ Er fordert, dass „rote Signale“ nur noch für Kraftfahrzeuge bindend sein sollten, Fußgänger und RadfahrerInnen sollten dagegen rote Ampeln überqueren dürfen, solange sie nicht sich oder andere Verkehrsteilnehmer gefährden oder behindern.

Auch Europas Verkehrsplaner träumen von Straßen ohne Zwangsvorschriften. Frei und menschlich, als Brüder sollen sich AutofahrerInnen, RadfahrerInnen und FußgängerInnen begegnen: durch freundliche Handzeichen, Kopfnicken und Blickkontakte und nicht gegängelt durch Verbote, Limits und Warntafeln. „All die Gebote nehmen uns das Wichtigste: die Rücksichtnahme. Wir verlernen unser Sozialverhalten”, lehrt der Groninger Verkehrsexperte Hans Monderman, ein Mitbegründer des Projekts und betont “Je mehr Verordnungen es gibt, desto mehr schrumpft das Verantwortungsbewusstsein.” Die Verbotsflut würde die Verkehrsteilnehmer entmündigen und deren sittliche Verrohung fördern. AutofahrerInnen würde zwar vor einem Zebrastreifen halten, sich aber berechtigt fühlen Fußgängern überall sonst das Überqueren der Straße zu verweigern. Jede Ampel lockt AutofahrerInnen mit der Verheißung: Das schaffst du noch bei Gelb. Und das Resultat ist: Umstellt von einem Zwangskorsett aus Vorschriften, sucht der Automobilist mit Tunnelblick seinen Vorteil, die Manieren bleiben auf der Strecke. Im niederländischen Drachten, einer Stadt mit 45 000 Einwohnern, wurde nun über die Hälfte der Verkehrsschilder verschrottet. Dort verständigen sich die Verkehrsteilnehmer durch Zeichen: Radler heben artig den Arm zum Richtungswechsel; die AutofahrerInnen verständigen sich durch Fingerzeige, Nicken und Winken. “Von 18 Ampelkreuzungen sind zwei übrig, die anderen haben wir zu Kreisverkehren umgebaut,” bestätigt der Verkehrsplaner Koop Kerkstra. In Drachten gelten nur noch zwei Regeln: rechts vor links. Und: Wer andere behindert, wird abgeschleppt. Gleichwohl gingen die Unfälle stark zurück. Experten aus Argentinien und den USA haben Drachten besucht. Sogar London zeigt Interesse an der automobilen Anarchie. Das Modell wird derzeit auch im Stadtteil Kensington erprobt.

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