Artikel von: Jürgen Köhler

Portland

Tausende ziehen blank beim World Naked Bike Ride in Portland - Foto Copyright Royan@Flickr

In Portland gibt es dieses „leichte Gefühl“, von dem Jan Gehl spricht, wenn er von der idealen Stadt schwärmt. In Portland sind es die RadfahrerInnen selbst und nicht die Stadtplaner oder die Behörden, die den Autoverkehr aus Wohngebieten verdrängen. Mit weniger Autos entwickeln sich kleinteilige, lebenswerte und fahrradfreundliche Stadtviertel, in denen sich frei nach Jan Gehl „das Leben zwischen den Häusern abspielt.“ Die Metropole im US-Bundesstaat Oregon hat ihr neues Lebensgefühl ausschließlich ihren Bewohnern zu verdanken, die sind nämlich fahrradverrückt und etwas anders als die Bewohner im Rest der Vereinigten Staaten. Biken mitten in der Stadt ist in Portland, wohlgemerkt einer amerikanischen Metropole, zur Normalität geworden. Tatsächlich wird Portland den Bedürfnissen von RadfahrerInnen gerecht: So stehen bei einem durchgängigen Tempo von knapp 20 Stundenkilometern alle Ampeln auf Grün – das ist sehr angenehm. In und um Portland gibt es mittlerweile mehr als 550 Kilometer an radfahrtauglichen Strecken. Ein Vorzeigebeispiel ist die im September 2015 eingeweihte Tilikum Crossing über den Willamette River. Mit einer Gesamtlänge von 518 Metern ist sie die längste autofreie Brücke der USA. Die “Bridge of the people” wird rege genutzt – und ist zu einer viel beachteten Kunstinstallation geworden. In der Dämmerung wird ein Farbenspiel aktiviert, das von Jahreszeit, Wasserstand und -temperatur sowie Fließgeschwindigkeit des Flusses bestimmt wird. Ein Zwischenstopp wird in Hoppers Bike Bar eingelegt, die wie immer gut frequentiert ist. Vor der Tür stehen zwei Ergometer. Wer will, darf hier eine Viertelstunde strampeln und Strom für die Bar erzeugen und bekommt dafür einen Rabatt von einem Dollar auf die später zu bezahlende Rechnung. Beim Blick auf die unzähligen Fahrradrahmen, die über der Bar aufgehängt sind, schlägt so manches RadlerInnenherz höher. Wer in die Bar kommt, weiß aber vor allem gutes Bier zu schätzen. In Portland gibt es 53 Brauereien. Portland, die größte Stadt und das wirtschaftliche Zentrum im Bundesstaat Oregon mit ihren über 2,3 Millionen Einwohnern ist im Grunde eine Kleinstadt geblieben. Davon kann sich überzeugen, der am Samstagmorgen den Farmer-Markt, bei der Portland State University, besucht oder einen Spaziergang auf der zwei Kilometer langen Promenade entlang des Willamette River unternimmt. Dort trifft man auch viele Einheimische, umgeben von Grünanlagen und Springbrunnen. Ein idealer Ort, um als Besucher dem besonderen Flair Portlands nachzuspüren. Mit dem Rad geht es durch schnucklige Wohngebiete, in denen sich in den vergangenen Jahren verkehrstechnisch vieles geändert hat, nachdem die Nachbarn, die den Aufstand gewagt haben, eingesehen haben, dass eine Verkehrsberuhigung das Leben angenehmer und sicherer machen kann. Raserei ist jetzt verboten, es gilt ein Tempolimit von 20 Meilen pro Stunde. Wer zum Radeln einen besonderen Anlass braucht, muss in Portland nicht lange warten: Es gibt den  Hottest Day of the Year Ride  Anfang August und den Worst Day of  the Year Ride Anfang Februar. Beide Veranstaltungen sammeln Geld für die gemeinnützige Community Cycling Center. Daneben gibt es im Sommer einmal im Monat den Mystery Movie Ride, der mit einer Kinovorführung Open Air endet, und jeweils im Juni zwei Wochen Pedalpalooza mit Touren und Events rund ums Radfahren in der ganzen Stadt.

Wer sich einen Eindruck von Portlands lockerem Aufbruch in ein neues Mobilitätszeitalter mit nachhaltigen Auswirkungen machen will, sollte sich einmal die Doku des ehemaligen Amerika-Korrespondenten und heutigen Tagesthemenmoderators Ingo Zamperoni gönnen: http://www.mediasteak.com/nackt-und-nachhaltig-portland-ist-anders-wdr/

 

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