„Eine Stadt wird nicht dann zivilisierter, wenn sie Autobahnen hat, sondern wenn sich ein Kind mit Dreirad überall sicher und einfach bewegen kann“

Enrique Peñalosa, 1997 bis 2000 Bürgermeister von Bogotá

Hätten die Menschen zu Beginn der motorisierten Mobilität, um 1900, abstimmen können ob sie im Berufsverkehr alleine, in einem übermotorisierten und ressourcenintensiven Gefährt, öfters im Stau stehen wollen, ihre Kinder nicht mehr auf der Straße hätten spielen lassen dürfen, vom Dauerlärm gestresst und krank geworden werden wollen, Angehörige und Freunde bei Unfällen verlieren und wegen der schlechten Luft an Atemwegsleiden erkranken sowie einen verwüsteten und ausgebeuteten Planeten hinterlassen müssten oder ob sie lieber weiterhin zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hätten unterwegs sein wollen, hätten sich nur Philosophen oder Science Fiction Autoren gegen die Massenmobilisierung mit dem Auto entschieden. Das Automobil war allzu verführerisch in seiner Eleganz und der rasanten Überwindung von Raum und Zeit und den glänzenden Aussichten, die eine Zukunft mit ihm bringen würde. Wer hätte damals schon voraussehen können, dass der motorisierte Individualverkehr sich zu solch einer epochalen Bedrohung für die Umwelt und die Gesundheit der Menschen vor allem für die Städte entwickeln würde, in denen heute mehr als die Hälfte aller Menschen leben. Die Autos wurden überall auf der Welt zu Statussymbolen für Freiheit und Wohlstand und sind nun zum Synonym für Stillstand, die schlechte Luft den Städten und dem Klimawandel geworden. Im Jahr 2050, wenn rund sechs Milliarden Menschen in Städten leben, wird Mobilität, wie wir sie heute kennen, nicht mehr möglich sein. Besonders in China wo 2011 noch 47 Autos auf 1.000 Menschen kamen und es 2030 schon 270 sein werden, sind die Grenzen des motorisierten Verkehrs absehbar.6 In vielen chinesischen Städten herrscht schon heute ein permanenter Ausnahmezustand, mit Dauersmog und Dauerstau und dies hat Folgen. Dort, wo der Verkehr an seine Grenzen gekommen ist und sich die Rahmenbedingungen für die AutofahrerInnen mit steigenden Ölpreisen, strengeren CO2-Richtlinien, Umweltzonen, emissionsbedingte Fahrverboten und einer Citymaut verändern, zeichnet sich eine Abkehr vom bisher so vertrauensvollen und oft liebvollen Verhältnis vom Menschen zum Automobil ab. Immer mehr Menschen versuchen dem Stau und der schlechten Luft zu entfliehen und auf das nicht mehr so gute Image der Autos zu reagieren, indem sie den Umstieg auf umweltfreundlichere, sozialverträglichere und kostengünstigere Mobilitätsangebote erwägen, die auch ohne Auto funktionieren.7 Wobei die Jüngeren beim Autoverzicht schon jetzt ganz vorne liegen.8 Sie fragen sich, warum sie sich ein Gefährt anschaffen sollen, das viel kostet und die meiste Zeit des Tages, womöglich auch noch auf gebührenpflichtigen Parkplätzen, einfach nur rumsteht und dazu noch die Umwelt belastet. Mobil sein können sie auch anders. Sie nutzen das Fahrrad und die Angebote des öffentlichen Nahverkehrs, der immer mehr Anhänger findet9 und die Möglichkeiten der share-economy. Die neue Mobilitätsvielfalt gibt ihnen die Wahlfreiheit flexibler und deutlich günstiger von A nach B zu kommen, als wenn sie mit dem eigenen Auto unterwegs wären.

Zeitgemäß sind Smartphones, mit denen sich Mobilität heutzutage einfach kombinieren lässt. Ally, Moovel, Qixxit oder Mobility App berechnen die Fahrt- und Reisemöglichkeiten nicht nur für ein Verkehrsmittel, sondern über diverse Angebote hinweg. Sie vernetzen Smartphone-GPS mit den Informationen verschiedener Verkehrsdienstleister. Wer seine Mobilitätswünsche eingibt, findet blitz-schnell die besten Routen und Verkehrsmittel-Kombinationen inklusive Fahrtdauer und Kosten und dem dazu passenden Ticket. Der multimodale Surfer gleitet heute schon schnell, flexibel und elegant, ohne Zeitverlust, auch ohne Auto durch den urbanen Mobilitätsdschungel und ist dabei stets mit seinem Smartphone und seiner Community vernetzt. Alles, was sich bewegt, kann seinem Fortkommen dienen, der Fußweg zur nächsten U-Bahn oder zum nächsten Taxi, ein Carsharing-Fahrzeug, sein Fahrrad oder ein Mietfahrrad, Mutters Polo, der Flixbus, Mitfahrgelegenheiten, die Inliner oder das Longboard, alles was fährt geht. Hauptsache, es geht günstig und flott voran und man kann unterwegs Musik hören und aktuelle Nachrichten und den neuesten Tratsch austauschen. Der Multimodal-Surfer ist alterslos und undogmatisch. Sein Credo lautet: sei individualistisch und surfe mit dem Strom, selbst wenn sich die Stimmungen und Moden täglich ändern. Der moderne Mensch wird heute kontinuierlich dazu angehalten seine Gewohnheiten, Vorlieben und Mentalitäten radikal zu ändern. Er wird durch sein Smartphone stets aufgefordert: alles, sofort und ohne einen Finger zu rühren jetzt und überall wollen zu können.10

Die Zeit, in der jeder mit seinem Auto überall hinkommen kann, geht zu Ende. Durch einen ungezügelten Zuzug in die Städte mit immer mehr Bewohnern, wird es für Autos immer enger. Früher oder später wird es zum automobilen Stillstand zu kommen.11 Die blecherne Lawine wird jeden freien Platz brauchen und bei der Suche nach einer Abstellmöglichkeit kein Fleckchen mehr übriglassen. Der Kampf im Verkehr und um freie Parkplätze ist unter AutofahrerInnen in vollem Gange. Denn überall wo man mit dem Auto hinfährt, braucht man auch Platz, um es abzustellen. Jeder motorisierte Europäer benötigt im Durchschnitt an jedem Tag zwei bis fünf Stellplätze. Europa verfügt nach diesem Schlüssel, über 300 Millionen Parkplätze, von denen nur vier Prozent gebührenpflichtig sind.12 Die AutofahrerInnen beanspruchen demnach mit Beton und Asphalt versiegelte Parkflächen an Straßen, Schulen, Supermärkten, Innenstädten, Wohnorten, Freizeiteinrichtungen und an Sport- und Arbeitsplätzen. Geht man von einer durchschnittlichen Parkplatzgröße von sechs Quadratmetern ausgeht, entspricht die Summe aller zur Nutzung bereitstehenden Parkflächen in Europa der Gesamtfläche Mexikos.13 Aber nicht nur Parkflächen werden autogerecht präpariert. Weltweit sind 31.7 Millionen Kilometer Straßen betoniert und asphaltiert. Alleine in Deutschland versiegeln Straßen mit einer Gesamtlänge von 644.000 Kilometern14 wertvollen Grund und Boden. Jeden Tag verschwinden alleine in Bayern 13 Hektar Land oder 18 Fußballfelder unter Asphalt und Beton für Gewerbe- und Wohngebiete, neue Straßen und Parkplätze. Seit der Jahrtausendwende wurde dort eine Fläche so groß wie München, Nürnberg, Augsburg, Regensburg und Fürth zusammen mit Beton und Asphalt versiegelt und wertvoller Naturraum vernichtet.

Der motorisierte Verkehr führt aber nicht nur zu einer gigantischen Flächenversiegelung und Raumvernichtung, sondern auch zu einem globalen Klimaproblem und einem Anstieg von Emissionen, die in den Städten die erlaubten Grenzwerte teilweise um ein Vielfaches überschreiten. Lärm und Abgase haben zu einer Verminderung der Lebensqualität geführt und die Attraktivität für Bewohner und Besucher so gemindert, dass sich manche Regionen und Städte dazu entschlossen haben, den Verkehr in Zukunft deutlich nachhaltiger gestalten zu wollen. Dabei steht die Reduzierung des Autoverkehrs auf der Agenda vieler Städte und mancher Länder ganz oben. Die skandinavischen Länder Dänemark, Norwegen und die Niederlande sind die Vorreiter. Ab 2030 wollen sie Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren in ihren Ländern nicht mehr zulassen. Frankreich, England, Indien und auch China wollen im Jahr 2040 folgen. Schon 2020 sollen die Innenstädte in Paris und Oslo autofrei werden. London plant „Low Carbon Zones“ und will zusätzlich mit einer Um- und Nachrüstung der klimafeindlichen, dieselgetriebenen Doppeldeckerbusse deren Feinstaubemissionen deutlich reduzieren. Mit weiteren Maßnahmen, wie der Anschaffung von 100.000 Elektroautos aber auch mit einem großzügig geplanten Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur,15 wollen die Londoner für ein besseres Klima in ihrer vom Verkehr bedrohten City sorgen. Auch in Singapur sollen ab 2018 keine weiteren Privat- und Mietwagen mehr zuglassen werden. Neue Zertifikate für Autos werden dort künftig nicht mehr verteilt. Lediglich alte Kraftfahrzeuge können durch neue ersetzt werden. Der Schritt ist eine Antwort der Regierung auf die wachsende Bevölkerung und eine zunehmende Landknappheit in dem Stadtstaat. Das Ziel heißt mehr Platz und bessere Luft.16

Nach dem Vorbild des US-Bundesstaates Kalifornien, wo ab 2018 4,5 Prozent aller neu zugelassenen Pkw eine gesetzliche Verpflichtung für „Zero Emission Vehicle“ einhalten müssen und dieser Wert sich jährlich um 2,5 Prozentpunkte bis auf 22 Prozent im Jahr 2025 steigern soll, setzt auch China ganz auf emissionsfreie Fahrzeuge. Dort wird ab 2019 eine Mindestquote für Elektroautos von zehn Prozent vorgeschrieben. China gibt in Sachen Elektromobilität das Tempo vor. Subventionen und rigide Gesetze erzwingen einen überraschend schnellen Wandel bei der Elektromobilität. Mit einer Reihe von Maßnahmen soll der Anteil von Elektro- und Hybridautos deutlich erhöht werden.17 Zehntausende Ladestationen werden landesweit errichtet und es werden neue Regeln verabschiedet, die den Kauf von Elektroautos begünstigen. Die Strategie scheint aufzugehen. Bei der Elektromobilität liegt die Volksrepublik weltweit vorn, mehr als die Hälfte des Weltmarktes fällt derzeit auf China. Bis November fanden im vergangenen Jahr 609.000 Autos mit neuer Antriebsform einen chinesischen Käufer, ein Plus von über 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Doch das reicht der Führung in Peking offenbar nicht. Sie will, dass bis 2020 landesweit mindestens fünf Millionen reine Elektroautos auf Chinas Straßen fahren. Derzeit dürfte die Zahl bei über 700.000 liegen. Um die Entwicklung zu beschleunigen, greift die Regierung zu drastischen und für ausländische Autobauer gefährlichen Mitteln. Ab dem kommenden Jahr soll eine Produktionsquote für Elektroautos gelten: Fast jedes vierte in China hergestellte Auto muss dann mit einem Elektromotor betrieben werden. Erfüllt ein Hersteller diese Vorgabe nicht, muss er Punkte von erfolgreicheren Anbietern kaufen. 18

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