Artikel & Fotos von: Der Verein Fahrräder für Afrika e.V.

Fahrräder für Afrika

Fahrräder für Afrika e.V.

In Namibia herrscht eine Arbeitslosigkeit von 50 Prozent. Bei einem Mindeststundenlohn von knapp 20 Cent in der Stunde gibt es mehr Tagelöhner als Jobs, was für viele kein Entrinnen aus der Armut ermöglicht. Die 2005 gegründete Fahrradprojekt BEN Namibia (Bicycle Empowerment Network) will den von Armut betroffenen Namibianern mit Fahrrädern eine Perspektive geben. Seit der Gründung wurden 33 gemeinnützige Radwerkstätten und Shops aufgebaut, über 300 Fahrrad-MechanikerInnen wurden ausgebildet und 34.000 Räder ins Land geholt.

Das Konzept von BEN Namibia hat Michael Linke ins Leben gerufen, als er fern von seiner Heimat Australien in der Hansestadt Hamburg über seine Zukunft nachdachte.* Er hat, weil er immer schon an Fahrrädern interessiert war, gebrauchte Fahrräder in Europa gesammelt, sie in einem Container nach Namibia verschifft und diesen dort zu einem Fahrradladen umgebaut, zum King‘s Daughters Bicycle Shop. Der Fahrradladen gehört zur gemeinnützigen Organisation King’s Daughters, einem lokalen Kirchenprojekt, das 2009 gegründet wurde, als ein paar Frauen sich an die Kirche wandten, um aus dem gefährlichen Milieu aussteigen zu können, in dem sie aus Armut und mangels Alternativen ihre Körper verkaufen mussten. Um die Rehabilitierung dieser stigmatisierten Frauen zu erleichtern, wurden sie in Zusammenarbeit mit BEN Namibia zu Fahrradmechanikerinnen ausgebildet und somit Teil eines kleinen Unternehmens, das ausgegrenzten Menschen eine Ausbildung und einen Job bietet.

Der King‘s Daughters Bicycle Shop ist heute die Anlaufstelle für die Menschen von Katutura, wenn sie sich von ihrem mühsam Ersparten für umgerechnet 50 Euro ein gebrauchtes Fahrrad kaufen können, um damit zur Schule oder zur Arbeit zu fahren, um damit das Geld zu sparen, das sie sonst für teure Busse oder Taxis hätten ausgeben müssen. Die Einnahmen aus dem Fahrradverkauf werden dazu benutzt, Löhne zu bezahlen, Ersatzteile, Werkzeuge und weitere Fahrräder anzuschaffen. Von dem was übrigbleibt werden Suppenküchen und Kindergärten unterstützt.

Paulina, eine Mitarbeiterin von BEN Namibia und des King‘s Daughters Bicycle Shop, kam als Ausbilderin für vier Wochen nach Mariental. Die angehenden Fahrradmechaniker Isaak, Adolf, Carl und Priscilla luden gemeinsam mit weiteren Helfern 450 eng gepackte Fahrräder aus dem aus Deutschland kommenden Container und verstauten Sie auf dem Gelände der örtlichen Stadtverwaltung. Die Umgebung der zukünftigen Fahrradwerksatt ist von Wellblechhütten gesäumt. Die Ankunft des Containers war ein Ereignis und das Ausladen machte zahlreiche Anwohner, die späteren potentiellen Kunden, neugierig. Nach dem Ausladen stellte Paulina die Ausbildungsunterlagen für die “Azubis” zusammen. Der Unterricht konnte beginnen. Isaak, Adolf, Carl und Priscilla begannen mit Werkzeugkunde. Da die vier Lehrlinge alle HIV-positiv sind, wurden sie von der Catolic AIDS Action (CAA) betreut und für die Projektteilnahme ausgewählt.**

Nachdem sich die Lehrlinge an den Umgang mit dem Werkzeug herangetastet hatten, begannen sie an den Fahrrädern herumzuschrauben. Isaak, Adolf, Carl und Priscilla sahen die erste Ausbildung in ihrem Leben als große Chance. Motiviert und wissbegierig waren sie bei der Sache. Während der Mechanikerausbildung lernten sie den richtigen Umgang mit verschiedensten Werkzeugen und wurden beim Zerlegen und Wiederzusammenbauen der Fahrräder immer fingerfertiger. Der gelegentliche Frust über die Tücken der Fahrradmechanik wurde stets von neuen Lernerfolgen verdrängt. Nach der Intensivschulung in der Fahrradmechanik folgte ein zweiwöchiges kaufmännisches Training. Paulina wurde für die Vermittlung der betriebswirtschaftlichen Grundlagen von einer Mitarbeiterin vom International Committee for the Development of Peoples (CISP), einer italienischen Nicht Regierungs Organisation (NGO) mit den Schwerpunkten Entwicklungszusammenarbeit, humanitäre Hilfe und Rehabilitation abgelöst. Hier lernten die frisch gebackenen Mechaniker den grundlegenden Umgang mit Geld, wie man Preise bzw. Löhne festlegt, Kundengespräche führt und die monatlichen Finanz- und Lageberichte erstellt. Anhand der Berichte konnte später durch BEN und CAA nachvollzogen werden, wie die Fahrradwerkstatt läuft. So bleibt transparent was verkauft wurde und wie Gewinne verwendet werden. Im Anschluss an dieses letzte Ausbildungsmodul konnte es mit dem Verkauf und der Reparatur der Fahrräder losgehen. In der Umgebung hatte es sich seit der Ankunft des Containers herumgesprochen, dass es hier bald Fahrräder zu erschwinglichen Preisen zu kaufen geben würde. Das große Interesse, dass diese Neuigkeiten auslösten, konnte endlich bedient werden. Isaak, Adolf, Carl und Priscilla waren von Anfang an gefordert, das gelernte mechanische und kaufmännische Wissen in Eigenverantwortung anzuwenden.

2009 arbeitete auch Johannes Wolf vom Verein Fahrräder für Afrika sechs Monate für BEN Namibia. Er nutzte die Zeit vor Ort und besuchte elf von damals ca. 20 Fahrradwerkstätten in dem südafrikanischen Land. Bestärkt durch die ausschließlich positiven Erfahrungen entschloss sich Johannes Wolf das erste Projekt von Fahrräder für Afrika e.V. in Namibia zu realisieren. Dorthin ging dann auch der erste Container, randvoll mit gespendeten Fahrrädern, Ersatzteilen, Werkzeug und ein paar Rollstühlen. Bei der Umsetzung konnte er auf die Unterstützung von BEN Namibia setzen, die mit ihren Kenntnissen von Land und Leuten den Erfolg des ersten Projektes absicherten. Die Ankunft des Containers in Mariental war gleichzeitig der Startschuss für die Ausbildung neuer Fahrradmechaniker. Mit dem Ausbildungsabschluss waren die Mitarbeiter der Fahrradwerkstatt in der Lage, eigenverantwortlich, unabhängig und nachhaltig Fahrräder und Ersatzteile zu verkaufen und zu reparieren. Das Kleinstunternehmen finanzierte alle Ausgaben wie Löhne, Ersatzteile und neue Fahrräder komplett durch die Verkaufsaktivitäten. Darüber hinaus werden Überschüsse dazu benutzt, weitere lokale Projekte zu unterstützen. So wird z. B. von CAA eine Suppenküche betrieben, in der dreimal pro Woche für ca. 50 Waisenkinder gekocht wird. Ein Erfolg der Fahrradwerkstatt soll weitere solche Hilfsprojekte vor Ort ermöglichen. Ein Fahrrad bedeutet für die Menschen in dieser armen Region Mobilität, Freiheit, Unabhängigkeit. Neben der Fortbewegung zu Fuß stellt ein Fahrrad für viele Menschen im südlichen Afrika die einzige erschwingliche Möglichkeit zur Überwindung langer Distanzen dar. Mit dem Fahrrad können Versorgungseinrichtungen, Krankenhäuser, Arbeitsstellen oder Schulen in angemessener Zeit erreicht werden. Ein Fahrrad schafft für die armen Menschen in Namibia und sicher auch für die Unterstützer aus Deutschland mehr Lebensqualität. Der Verein unterstützt ähnliche Projekte in Gambia. Projektpartner dort ist CEDAG – Child and Environmental Development Association-The Gambia. Auch in Togo werden Fahrräder aus Deutschland gebraucht. Partner dort ist das Ketu South District Hospital. In Kooperation mit dem Ketu South Municipal Health Directorate unter der Leitung von Joseph Degley und On The Move e. V. etabliert siche ebenfalls eine Fahrradwerkstatt. Sogar Mafeteng in Lesotho, fährt fährt die Polizeit Streife auf gebrauchten und gespendeten Fahrrädern aus Deutschland!

Wie können wir das Projekt unterstützen?
Ganz einfach in dem BremerInnen Fahrräder, die nicht mehr im Einsatz sind und nur noch rumstehen zu uns ins Bike-Café bringen. Wir transportieren diese, wenn wir eine gewisse Menge zusammen haben, nach Oschatz bei Leipzig zum Verein Fahrräder für Afrika e.V. Von ehrenamtlichen Helfern werden sie dort in einen nutzbaren Zustand gebracht, zusammen mit anderen in einen Container geladen und nach Afrika verschickt. Weitere Informationen über Fahrräder für Afrika finden sich unter www.fahrraeder-fuer-afrika.de

*) https://www.mountainbike-magazin.de/touren/ben-namibia-soziale-fahrradprojekte-in-namibia.1364874.2.htm
**) Die Catolic AIDS Action (CAA) kümmert sich um HIV-Infizierte und führt HIV/Aids-Prävention im gesamten Land durch.

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