Artikel von: Jürgen Köhler

So geht Fahrradstadt

Utrecht, die 340.000-Einwohner Stadt südöstlich von Amsterdam, im Herzen der Niederlande, zeigt dem Rest der Welt wie Fahrradstadt geht. Diese beginnt bereits auf dem Weg zur Arbeit, wenn einem „Fietsflo“, die radarbasierte Infosäule, 200 Meter vor einer Ampel einen rennenden Hasen zeigt, der darauf hinweist, mit welcher Geschwindigkeit man unterwegs sein muss, um bei Grün über die Ampel zu kommen. Nur wer mit der richtigen Geschwindigkeit unterwegs ist, kann auf der grünen Welle durch Utrecht radeln.

Ob die Infosäule Fietsflo auch den Teilnehmern der Tour de France, die 2015 in Utrecht starteten, den rennenden Hasen gezeigt hat, ist nicht bekannt, aber dass die Tour de France in Utrecht begann, wo Sportlerherz der Niederlande schlägt und sich die sportlichen Aktivitäten vor allem auf das Radfahren konzentrieren, verwundert nicht. Allein im Zeitraum von 7 bis 19 Uhr werden im Stadtzentrum 90.000 RadfahrerInnen gezählt werden und unzählige Radkuriere begegnen einem. Insgesamt werden rund 60 Prozent der Wege im Zentrum Utrechts mit dem Fahrrad zurückgelegt. Herbert Tiemens, der so etwas ist wie der Radverkehrsbeauftragte der Provinz Utrecht, führt die enorme Fahrradbegeisterung auf die breiten, komfortablen Radwege zurück, die an den Hauptstraßen konsequent vom Autoverkehr getrennt sind und auf denen sich „auch unsichere Radfahrende und Kinder mit dem Rad bewegen können.“ Unterführungen und Brücken, die nur für RadfahrerInnen da sind, sorgen für Abkürzungen und eine sichere Querung von Straßen. Utrecht, das ursprünglich eine Autostadt werden sollte, zahlreiche Grachten waren bereits trockengelegt und auf ihnen fuhren auch schon Autos, möchte nun – weil sich die Utrechter sich für eine lebenswerte Stadt entschieden haben, die attraktiv für die Menschen sein soll und nicht für Autos sein soll – eine Fahrradstadt von Weltrang werden. In einem „Action Plan“ haben sie dargelegt, wie das bis 2020 gelingen kann. Mit innovativen Methoden soll Radfahren einfacher, sicherer und spaßiger werden. „The Bicycle comes first“, fasst die Utrechter Formel perfekt zusammen.

Jährlich werden rund 50 Euro pro Kopf in die Radverkehrsinfrastruktur investiert. (Zum Vergleich empfiehlt der nationale Radverkehrsplan in Deutschland Investitionen von 10 Euro pro Einwohner.) Das sich die vergleichsweise hohen Investitionen lohnen können, zeigt der „Bruto Utrecht Fietsproduct,“ der der Stadt jährlich rund 250 Millionen Euro spart, also etwa 735 Euro pro Einwohner. Dieser Wert bildet den gesamtgesellschaftlichen Nutzen des Radverkehrs ab und berechnet sich aus den theoretischen Einnahmen und Ausgaben unter der Annahme, dass sämtliche Fahrradkilometer mit dem Auto zurückgelegt worden wären. Dabei sind auch Effekte wie die Verbesserung der Luftqualität, der Gesundheit, geringere Staukosten etc. berücksichtigt. Ein Euro, der in die Radverkehrsinfrastruktur investiert wird, bringt somit in etwa das Siebenfache zurück und weil der Überschuss bei der Kommune und damit beim Steuerzahler landet, sorgt auch das für eine hohe Akzeptanz des Radverkehrs in Utrecht.

Vom Fahrradboom profitiert die ganze Provinz aber auch die Geschäfte in der City. Die Innenstadt ist gut besucht und es gibt sehr viel Außengastronomie, weil RadfahrerInnen gute Kunden sind. Nachdem an einer Straße Parkplätze entfernt worden und dafür ein neuer, breiter Radweg entstand, stiegen die Einnahmen der anliegenden Geschäfte um 16 Prozent. Zusätzlich wurden viele Jobs in der Fahrradbranche geschaffen.

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